Feindseligkeit und soziale Kälte: Symptome der Zeit?

Junge Menschen fürchten die soziale Spaltung unserer Gesellschaft. Sie beobachten wachsende Intoleranz und sehen in sozialer Kälte eine bedenkliche Entwicklung unserer Zeit.

Ob in politischen Debatten oder im alltäglichen Miteinander, der Ton wird rauer. Das soziale Klima in unserer Gesellschaft hat eine giftige Qualität angenommen.

Aggressives Verhalten macht sich nahezu überall breit: in den Schulen gegenüber Mitschüler*innen und Lehrkräften, am Arbeitsplatz gegenüber Kolleg*innen, in der Bahn gegenüber Zugbegleiter*innen und sogar im Krankenhaus gegenüber dem Pflegepersonal. Laut 19. Shell Jugendstudie sind 64 Prozent der Jugendlichen über die wachsende Feindseligkeit zwischen den Menschen besorgt.1 Zwischenmenschliche Respektlosigkeiten häufen sich. Und zugleich fühlen sich immer mehr Menschen unverstanden und ungerecht behandelt.

Seltsam eigentlich. Wir fordern für uns selbst Respekt und Wertschätzung ein. Die Situation Anderer können oder wollen wir aber nicht verstehen. Woher kommt das?

Die Gegenwartsgesellschaft macht dünnhäutig und wohl auch ein wenig egozentrisch

Die gesellschaftlichen Verwerfungen der jüngsten Vergangenheit haben bei vielen von uns eine tiefgreifende Überforderung hinterlassen. Die Teuerung und, damit verbunden, die steigenden Lebenshaltungskosten, belasten uns. Neue geopolitische Konflikte (Ukraine, Gaza, Iran) haben negative Effekte auf die Wirtschaft und bedrohen den Wohlstand unserer Gesellschaft. Der Klimawandel setzt uns mit extremen Wettereignissen zu. Ungelöste Fragen der Migrationspolitik stehen im Raum und sorgen politisch für Zündstoff. Die dynamische Entwicklung im Bereich der KI (Künstlichen Intelligenz) sorgt für Verunsicherung. Viele fragen sich, wie unser Leben aussehen könnte, wenn Künstliche Intelligenz zukünftig die Welt regiert.

Auch die rastlose Geschäftigkeit, die unser digitales Leben prägt, ist ein Problem. Das Smartphone ist für vollwertige soziale Teilhabe mittlerweile nahezu unverzichtbar. Das Smartphone macht vieles leichter. Es hat aber auch seinen Preis. Ob beruflich oder privat, wir fühlen uns im digitalen Echtzeitstrom oft wie Getriebene. Wir glauben, auf alles ständig und sofort reagieren zu müssen. Was uns zunehmend fehlt, ist, was Philosophen der Antike als Voraussetzung für ein gutes Leben beschrieben: Gelassenheit oder, wie es die alten Griechen nannten, Seelenruhe.

Hinzu kommt, dass Konkurrenzdenken und Wettbewerbsdruck in unserem Alltag immer mehr Raum einnehmen. Kompetitivität gilt in der Wirtschaft zurecht als Erfolgsprinzip. Irritierend finde ich aber, dass sie heute mehr und mehr auch im Bereich des Zwischenmenschlichen Platz findet. In der Ausbildung, im Beruf und sogar in der Freizeit agieren Mitmenschen immer öfter als wären sie Mitbewerber*innen. Kooperation verliert an Bedeutung. Für die allermeisten Menschen fühlt sich dies auf Dauer nicht gut an.

In einer Welt, die so, wie beschrieben, funktioniert, steigt der Aggressionspegel. Unter Druck werden viele aggressiv und wenden ihre Aggressionen oft unüberlegt gegen den Nächstbesten, der ihnen über den Weg läuft. Zugleich wächst die Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit.

Wir ziehen uns in unsere „Bubble“ zurück, denn die „Bubble“ gibt uns Bestätigung. Sie bietet uns Schutz vor einer als kalt empfundenen Welt. Und sie schirmt von all jenen ab, die, zumal sie anders leben und/oder anders denken, in einer anderen „Bubble“ Aufgehobenheit suchen und finden. Was in unserer eigenen „Bubble“ abgeht, erleben wir als vertraut und sympathisch. Was sich außerhalb tut, wirkt auf uns hingegen schnell befremdend und bedrohlich. Die Zumutungen der Gegenwartsgesellschaft machen uns offensichtlich dünnhäutig und auch ein wenig feindselig oder zumindest egozentrisch. Der soziale Zusammenhalt bröckelt. Und die Politik schafft es nicht, dem gegenzusteuern. Sie setzt dem durch gezielte Polarisierung oft sogar noch etwas drauf.

Politische Debatten entwickeln fragwürdige Eigendynamiken

Weltanschaulich-politische Debatten waren vermutlich noch nie einfach, heutzutage scheinen sie aber richtig schwierig geworden zu sein, und zwar nicht zuletzt aufgrund des politischen Stils, der heute tonangebend ist.

Die großen Themen unserer Zeit werden in äußert seltenen Fällen im Sinne des besseren politischen Arguments verhandelt. Eher hat man den Eindruck, es werde hier ein Krieg um Deutungshoheit geführt, und zwar mit allen nur möglichen inszenatorischen Mitteln. Gerne wird auf demonstrative Empörung gesetzt. Und auch die Flucht in eine emotional vorgetragene Opferrolle ist Teil des Spiels. An einem gemeinsamen Strang zu ziehen, scheint aus der Mode gekommen.

Dass dies einem lösungsorientierten Austausch über die großen Fragen unserer Zeit abträglich ist, interessiert scheinbar niemanden. Was außer Sicht gerät, ist, dass eine demokratische Gesellschaft nicht davon lebt, dass alle gleich denken. Sie lebt davon, dass Menschen trotz unterschiedlicher Überzeugungen respektvoll miteinander umgehen und bereit sind, zu kooperieren.

Die Politik ist, wenn es um den sozialen Zusammenhalt geht, für den Alltagsmenschen alles andere als ein gutes Vorbild. Verhärtete Fronten und aufgeschaukelte Konflikte bestimmen den Alltag. Drohgebärden blockieren den Dialog.

Auf mich wirkt das ein wenig so, als würde man sich nicht mehr verstehen, weil man verlernt habt, sich gegenseitig verstehen zu wollen. Lässt sich dem irgendwie gegensteuern? Ich würde meinen, wir sollten es zumindest versuchen.

Verstehen und Verstehen-Wollen

Als Sozialwissenschaftlerin sind mir die Herausforderungen des Verstehens wohlbekannt. In meiner Forschung arbeite ich mich unablässig daran ab. Zentral für mein sozialwissenschaftliches Verstehen ist, nicht zu versuchen, Unbekanntes auf Bekanntes zurückzuführen. Ich muss dazu bereit sein, über den Tellerrand des Vertrauten hinauszublicken. Und ich muss mir dabei eines vergegenwärtigen: An jedem sozialen und kulturellen Standort ist das Dasein ein wenig anders. Wenn ich verstehen will, muss ich dafür offen sein, über eine mir fremde Welt zu lernen.

Je mehr wir von der uns fremden Welt verstehen, desto mehr können wir unsere eigene Weltsicht verändern, unser eigenes Handeln auf das andere Dasein einstellen und im Idealfall unser eigenes Dasein damit bereichern. Worum es geht, ist, „dass man etwas Neues lernt, möglicherweise etwas, dem man nicht zustimmen kann. Verständigung bedeutet Anpassung, Verstehen bedeutet Lernen“, wie Boike Rehbein treffend formuliert.2

Zugegeben, sozialwissenschaftliches Verstehen folgt einer eigenen Logik. Aber vielleicht können wir uns, wenn wir der wachsenden Feindseligkeit in unserer Gesellschaft konstruktiv begegnen wollen, davon etwas abschauen.

Ein erster und wichtiger Schritt wäre aus meiner Sicht die Perspektivenübernahme. Das heißt, es geht um die Frage „Was nimmt der bzw. die Andere von seinem bzw. ihrem jeweiligen sozialen und kulturellen Standort aus wahr?“, „Welche Wertvorstellungen und welche Muster der Lebensführung zirkulieren an diesem sozialen und kulturellen Standort und was sind dort allgemein akzeptierte Normalitätsstandards?“, „Wie ist er oder sie sozialisiert, welche generationenprägenden Erfahrungen hat er bzw. sie gemacht?“, „Wie spiegelt sich dies im Denken, Fühlen und Handeln des/der jeweils Anderen wider?“ und, mit all dem verbunden, natürlich auch die Frage: „Welche Relevanzsetzungen trifft der bzw. die Andere im persönlichen Alltag und welche Motive liegen seinen bzw. ihren Lebensäußerungen zugrunde?“

In den Sozialwissenschaften versuchen wir eine Beziehung zwischen den Teilen und dem Ganzen herzustellen. Das heißt, es geht darum, das, was wir beobachten und was uns vielleicht durchaus irritiert, im Rahmen des jeweiligen Kontextes zu sehen. Hier schließt sich der Kreis und wir landen erneut bei Perspektivenübernahme, die einem Verstehen des/der Anderen zur Grundlage wird, wobei das Verstehen, wie Gernot Saalmann betont, immer auch ein Verstehen-Wollen voraussetzt.3

Aus sozialpsychologischer Perspektive findet das Verstehen-Wollen abhängig von Persönlichkeitsfaktoren nicht bei jedem und jeder in gleichem Ausmaß Platz. Eitelkeit, Arroganz oder ein autoritärer Charakter blockieren das Verstehen-Wollen häufig.

Auch Menschen mit brüchigen Identitätskonstruktionen und/oder sozialen Ängsten sind für ein Verstehen-Wollen nicht immer ausreichend bereit. Sie fühlen sich durch das Fremde, Andere, Unvertraute verunsichert und tendieren daher vielfach zum Vermeiden wie auch zum Vereinfachen. Anders gesagt: Sie lassen das Unvertraute, Andere in seiner Andersheit nicht an sich heran und gehen zum Prinzip des Verstehen-Wollens auf Distanz.4

Perspektivenübernahme als Voraussetzung für kooperative Strategien

In Zeiten großer gesellschaftlicher Verwerfungen, in der soziale Ängste zunehmen und Krisenbelastung dazu beiträgt, dass Identitätskonstruktionen brüchig werden, ist ein an Verstehen-Wollen orientiertes sich Konfrontieren mit dem Anderen, Unvertrauten, Fremden nicht etwas, das wir so ohne weiteres voraussetzen können.

Dass wir alle zunächst einmal blind sind für die Lebensrealitäten, die nicht die Unseren sind, ist normal. Und auch, dass ein Aufeinander-Zugehen in einer zunehmend komplexen, unübersichtlichen und von zahlreichen gesellschaftlichen Herausforderungen geprägten Welt alles andere als einfach ist, ist verständlich.

Dass wir gerade deshalb Strategien der Perspektivenübernahme benötigen, um von dem, was sich in diesen Lebensrealitäten abspielt, überhaupt etwas mitzubekommen, aber auch, dass wir verstehen wollen müssen, wie diese Lebensrealitäten auf das Fühlen und Denken der Menschen zurückwirken, liegt auf der Hand. Wobei eines eben auch klar ist: Verstehen wollen bedeutet nicht immer automatisch auch akzeptieren.

Ich denke, wir müssen es irgendwie schaffen, (wieder) über unseren eigenen Tellerrand hinauszublicken. Wenn wir das nicht tun, werden wir uns zwar mehr soziales Miteinander wünschen, aber dennoch weiterhin besorgt auf die zunehmende Spaltung der Gesellschaft blicken.

1 Dt. Shell (Hg.): Jugend 2024. Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt. 19. Shell Jugendstudie, Weinheim/Basel: Beltz, 2024, S.48

2 Rehbein, Boike: Verstehen in den Sozialwissenschaften, in: Rehbein, Boike; Gernot, Saalmann (Hg.): Verstehen, Konstanz: UVK, 2009, S. 43-60, S. 57

3 Saalmann, Gernot: Verstehen können und verstehen wollen, in: Rehbein, Boike; Saalmann, Gernot (Hg.): Verstehen, Konstanz: UVK, 2009, S. 185-192

4 Saalmann, Gernot: Verstehen können und verstehen wollen, in: Rehbein, Boike; Saalmann, Gernot (Hg.): Verstehen, Konstanz: UVK, 2009, S. 185-192, S. 189f

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