
Bis ins Teenager-Alter orientieren sich junge Menschen sehr stark an erwachsenen Bezugspersonen aus ihrem nahen persönlichen Umfeld, allem voran an ihren Eltern. Und auch danach bleibt das elterliche Vorbild wichtig, vor allem, wenn es darum geht, Strategien zu entwickeln, um mit den Herausforderungen des persönlichen Alltags klarzukommen.
Wie der 8. Bericht zur Lage der Jugend in Österreich zeigt, ist in der Altersgruppe der 11- bis 17-Jährigen für 80 Prozent der Mädchen und Burschen die Mutter ein großes Vorbild. Der Vater wird bei den Burschen ebenfalls von 80 Prozent als Vorbild genannt. Bei den Mädchen wirkt das Vatervorbild etwas schwächer, aber immerhin zwei Drittel der 11- bis 17-jährigen Mädchen (64 Prozent) nennen den Vater ebenfalls als persönliches Vorbild.1 Ob bewusst oder unbewusst, Eltern wirken, indem sie im Alltag so handeln, wie sie handeln, als Vorbilder.
Bemerkenswert ist, dass junge Menschen begrifflich sehr klar zwischen persönlichen Vorbildern und „coolen Leuten“ im Sport, im Musikbusiness oder auf Social Media unterscheiden.
Von Vorbildern lernt man, zu Idolen blickt man auf
Im Pre-Teens-Alter wird der Aktivitätshorizont größer. Freunde und die Peergruppe gewinnen an Bedeutung. Vorbilder kommen, wenn es um jugendrelevante Praxen geht, immer öfter aus dem gleichaltrigen Umfeld. Und „coole Leute“ aus der Populärkultur gewinnen als Projektionsfläche für die Identitätsarbeit an Bedeutung.
„Coole Leute“ sind Idole, die man bewundert und für die man schwärmt: Stars, zu denen man aufblickt, deren Leben aber fernab der eigenen Lebensrealität spielt.
Die Auseinandersetzung mit Stars und Idolen kann für junge Menschen durchaus wichtig sein, zumal sie die Heranwachsenden damit konfrontiert, sich an zentralen Fragen der Selbstkonzeptbildung wie „Wer bin ich?“, „Wer möchte ich sein?“, aber auch „Wer könnte ich sein?“ abzuarbeiten.
Als Modelle, wie man den Alltag meistert und in der konkreten Situation, in der man sich gerade befindet, halbwegs gut lebt, taugen Idole aber nicht. Und das ist jungen Menschen durchaus bewusst.
Wie Pre-Teens von ihren Vorbildern lernen
Vorbildwirkung basiert auf dem Prinzip „learning by viewing“. Und gute Vorbilder leben vor, wie man mit etwaigen Zumutungen des Alltags konstruktiv umgeht.
Pre-Teens beobachten die Erwachsenen in ihrem nahen persönlichen Umfeld genau. Wenn ihnen das, was sie tun, schlüssig erscheint, wird es nachgemacht: allerdings meist nicht eins zu eins. Das beobachtete Verhalten wird an die eigenen Fähigkeiten und den jeweiligen lebensweltlichen Kontext, in dem sich die jungen Menschen bewegen, angepasst, also adaptiert.
Aus der Beobachtung, wie sich das Vorbild verhält, schließen die Heranwachsenden auf das Handlungsziel, das Erwachsene mit ihren Handlungen verfolgen. Wenn sie sich an einem erwachsenen Vorbild orientieren, imitieren sie nicht nur die beobachtete Handlung, sondern sie vollziehen auch das Handlungsziel nach.
Immer dann, wenn sich Pre-Teens von den Erwachsenen in ihrem nahen persönlichen Umfeld abschauen, wie diese konstruktiv mit Herausforderungen des Alltags umgehen, lernen sie also immer auch, (selbst) Strategien zur Alltagsbewältigung zu entwickeln.
Erwachsene, die Herausforderungen des Alltags gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen reflektieren und die Problemlösungen, die sie selbst wählen und als mögliche Lösungsstrategien vorleben, kommentieren und bewerten, leisten einen wichtigen Beitrag, um bei jungen Menschen Wissen um die eigenen Möglichkeiten zur Bearbeitung der Herausforderungen des Alltags zu stärken.
Heranwachsende müssen verstehen, warum Erwachsene etwas machen, um sich an ihrem Vorbild zu orientierten. Wenn sie es verstehen, können sie entscheiden, ob sie es den Erwachsenen nachmachen wollen oder, was dann später im Teenager-Alter im Zusammenhang mit experimenteller Selbsterfahrung stärker zum Thema wird, ob sie sich vielleicht auch ganz bewusst abgrenzen.
Vorbilder stehen (auch) für Werte
Vorbilder aus dem nahen sozialen Umfeld sind für Pre-Teens wichtig für den Erwerb von Kompetenzen zur Alltagsbewältigung. Und sie stehen selbstredend auch für Werte, an denen man das eigene Handeln ausrichten kann und soll.
Junge Menschen setzen bei ihren Vorbildern auf Charakterstärke. Was sie an ihren Vorbildern schätzen, ist Ehrlichkeit, ein sympathisches Auftreten im sozialen Miteinander, Humor, Mut, Engagement für andere, aber auch Durchsetzungsvermögen und die Fähigkeit, motivational dranzubleiben und in schwierigen Situationen den Kopf nicht hängen zu lassen, sondern alltagstaugliche Lösungen zu finden.
Wie wir Kinder und Jugendliche stark machen können
In unsicheren Zeiten, wie wir sie derzeit erleben, in denen Orientierungs- und Motivationslosigkeit zu einem wachsenden Problem unter jungen Menschen werden, sollten Erwachsene alles ihnen Mögliche tun, um die Selbstwirksamkeitsüberzeugung Heranwachsender zu stärken. Die Resilienzforschung liefert hierfür wertvolle Anknüpfungspunkte.
Wir Erwachsene müssen Kindern und Jugendlichen ein aktives Bewältigungsverhalten vorleben und ihnen zeigen, wie sich mit den aktuell verfügbaren Ressourcen Probleme anpacken und lösen lassen. Wir sollten sie im Sinne partnerschaftlich-konsequenter Kommunikation nicht nur in Entscheidungsprozesse mit einbeziehen, sondern wir müssen sie auch dazu anhalten, für das gemeinsam Entschiedene Verantwortung zu übernehmen. Wichtig ist, gemeinsam Problemlösungen zu finden.
Darüber hinaus sollten wir junge Menschen dazu ermutigen, immer im Auge zu behalten, was in der aktuellen Situation mit den verfügbaren Mitteln möglich ist, sprich: sich an realistischen Zielen zu orientieren. Und wird sollten sie beim Erreichen ihrer Ziele natürlich auch unterstützen, allerdings ohne beim Auftauchen erster Probleme vorschnell Hilfe anzubieten.
Wichtig ist, den Blick der Kinder und Jugendlichen auf kontrollier- und beeinflussbare Aspekte zu lenken, damit diese sich als das eigene Leben Gestaltende wahrnehmen können. Denn, wie Brigitte Schäfer treffend anmerkt, „die Konzentration auf das Veränderbare lässt die anderen Dinge, die man nicht beeinflussen kann, leichter ertragen. (…) Manchmal mögen diese Spielräume sehr klein sein. Doch allein schon diese kleinen Handlungsspielräume zu erkennen (…) und dann auch zu nutzen, um im eigenen Interesse eine Veränderung oder Entlastung zu bewirken, stärkt das Vertrauen in die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten“.2
Könnten Erwachsene bessere Vorbilder sein?
Bleibt noch die Frage, wie gut wir Erwachsene unserer Vorbildrolle gerecht werden. Vermutlich könnten wir so manches besser machen. Vor allem sollten wir das „Dranbleiben“, das junge Menschen an ihren Vorbildern heute suchen und schätzen, selbstbewusster in Szene setzen.
In Sachen Emotionskontrolle und Selbstregulation müssten wir eventuell ab und an noch ein wenig an uns arbeiten, um vorbildlich zu agieren. Ich denke da an eine gute Portion stoischer Lebensphilosophie. Gut wäre jedenfalls, wenn wir im Alltag etwas mehr Seelenruhe und Gelassenheit ausstrahlen könnten, anstatt wegen Kleinigkeiten entnervt zu reagieren.
Im Umgang mit den mühsamen Seiten des Lebens wären oft wohl auch ein bisschen mehr Humor und die Fähigkeit zu Selbstironie gefragt. Auch das wäre eine Coping-Strategie, die wir jungen Menschen in Sachen Stärkung der Lebenskompetenz mitgeben könnten.
Wir sollten zudem (mehr) Mut und Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit vorleben, wenn es darum geht, sich den Herausforderungen des Alltags mit den uns verfügbaren, meist eingeschränkten Möglichkeiten zu stellen.
Und dann wäre da noch etwas, was meines Erachtens wichtig ist: Wir könnten besser vermitteln, wie man im Leben Prioritäten setzt. Das ist für die heutige Jugend, wie Jugendliche selbst sagen, nämlich besonders schwierig. Dabei geht es, wie ich glaube, gar nicht vorrangig um To-Do-Listen, die diszipliniert zu erledigen sind. Hilfreicher wäre vermutlich, in Sachen Prioritätensetzung mit der verunsicherten und digital überreizten Gegenwartsjugend ab und an zum Thema „Not-to-Do-Listen“ zu arbeiten.
1 Bundeskanzleramt, Sektion Familie und Jugend (Hg.): 8. Bericht zur Lage der Jugend in Österreich, Wien: BKA, 2023, S. 210
2 Schäfer, Brigitte: Resilienz. 100 Seiten, Stuttgart: Reclam, S. 47
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